Wir Deutschen lieben die Gründlichkeit. In kaum einem anderen Land wird so sorgfältig gerechnet, geprüft, dokumentiert – auch, wenn es um Kosten geht. Doch gerade dort zeigt sich ein bekanntes Muster: Man startet ehrgeizig, investiert Zeit und Expertise, erstellt komplexe Kalkulationen – und legt sie danach in die Schublade.
Das Phänomen hat einen Namen: Should Costing. Eigentlich gedacht als strategisches Instrument zur Kostensteuerung, bleibt es in vielen Unternehmen ein statisches Projekt, ein einmaliger Kraftakt ohne Wiederkehr. Das Ergebnis: Nach Monaten ist der Aufwand vergessen, die Daten veraltet, die Erkenntnisse verpufft. Und die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet: Wie kann man Should Costs lebendig halten – aktuell, relevant, wirksam?
Das Missverständnis der Einmaligkeit
Viele Organisationen behandeln Should Costing wie eine Sonderaufgabe: ein Projekt mit Start, Ziel und Abschlussbericht. Doch Kostenstrukturen sind keine Momentaufnahme. Sie verändern sich täglich – mit Rohstoffpreisen, Lieferketten, Wechselkursen, Produktionsstandorten.
Was heute eine präzise Kalkulation ist, kann morgen schon ein Zerrbild sein. Der Aufwand, solche Analysen zu erstellen, führt dann paradoxerweise dazu, dass sie ungenutzt bleiben. Zu mühsam, zu aufwendig, zu selten aktualisiert. Das Ergebnis ist Stillstand im Verzeichnis „Completed Projects“.
Dabei liegt der eigentliche Wert des Should Costing nicht in der Berechnung selbst, sondern in seiner Wiederverwendung. Kostentransparenz entfaltet ihre Wirkung erst, wenn sie regelmäßig erneuert wird.
Vom Modell zum Managementinstrument
Die Lösung ist nicht, Should Costing noch detaillierter oder aufwendiger zu betreiben. Sondern dynamischer. Was es braucht, ist der Schritt vom Projekt zum Prozess – vom statischen Modell zum lebenden System.
Dynamic Should Costing heißt dieser Ansatz: Ein System, das sich selbst aktualisiert, gespeist durch Marktintelligenz, Indizes und Lieferantendaten. Ein System, das nicht im Archiv verstaubt, sondern sich mit der Realität bewegt.
Das Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll:
- Build: Ein solides Fundament – Kostenstruktur, Datenmodell, Rollen, Prozesse.
- Monitor: Permanente Beobachtung von Markt- und Materialtrends.
- Refresh: Regelmäßige, automatisierte Aktualisierung der Daten.
- Apply: Aktive Nutzung als Entscheidungsgrundlage in Einkauf, Engineering und Management.
So wird aus Should Costing kein abgeschlossenes Zahlenwerk, sondern ein Kreislauf – ein lernendes Instrument, das im Rhythmus des Marktes schlägt.
Der menschliche Faktor: Verhalten statt Rechenleistung
Technisch ist das alles machbar. Die eigentliche Herausforderung liegt, wie so oft, im Verhalten. Die Hürde ist nicht der Mangel an Daten, sondern der Mangel an Bewegung. Viele Unternehmen verharren in der Logik: „Wir machen das einmal richtig – und dann passt es schon.“
Doch Märkte sind dynamisch. Aluminiumpreise, Energie, Löhne – sie ändern sich wöchentlich. Wer Kostenstrukturen nur einmalig analysiert, arbeitet bald mit historischem Material.
Aktuelle Kostenwahrheit entsteht durch Haltung, nicht durch Software. Sie entsteht, wenn Teams bereit sind, Daten als lebendes Gut zu behandeln – nicht als archivierten Bericht. Wenn Einkauf und Engineering gemeinsam Verantwortung für Aktualität übernehmen. Wenn man akzeptiert, dass Perfektion kein Zustand ist, sondern ein Prozess.
Skalierung durch Einfachheit
Der Weg zu nachhaltiger Kostentransparenz beginnt nicht mit großen Plattformprojekten, sondern mit kleinen Routinen: Regelmäßige Daten-Refreshes statt Vollanalysen. Automatisierte Marktfeeds statt manuelle Updates. Dashboards statt PDF-Ordnern.
Zusammen mit unserem Partner von Valuemize lassen sich Rohstoffindizes, Benchmarks und Supplier Insights automatisiert einbinden – so bleiben Kalkulationen aktuell, ohne dass jede Woche neue Analysen nötig wären.
Das Ziel ist Entlastung, nicht Überforderung: Should Costing wird so zum Kompass für Entscheidungsträger, nicht zur Last für Fachabteilungen.
Warum das Ganze?
Weil veraltete Kostenmodelle gefährlich sind. Sie täuschen Stabilität vor, wo sich längst etwas verschoben hat. Und sie schwächen die Verhandlungsposition gegenüber Lieferanten, die ihre Preise längst angepasst haben.
Wer dagegen mit dynamischen, datengestützten Modellen arbeitet, verhandelt faktenbasiert. Er erkennt Trends, bevor sie zur Kostenwelle werden. Er kann differenzieren zwischen Preis und Kosten – und sieht, wo Marge, Material und Fertigung wirklich stehen.
Das ist die eigentliche Stärke von Should Costing: nicht Kontrolle, sondern Erkenntnis.
Vom Excel-Projekt zur Unternehmensroutine
Viele fragen: Braucht man dafür spezielle Tools? Die Antwort lautet: Nein – aber man braucht Konsequenz.
Costineers arbeitet tool-agnostisch: ob in Excel, Siemens TcPCM, Tset oder Facton – entscheidend ist nicht das Werkzeug, sondern die Denkweise. Kostenmethodik ist kein Softwarethema, sondern ein Führungsinstrument. Das Entscheidende ist, dass die Ergebnisse verständlich, nützlich und zugänglich sind – für alle, die mit ihnen arbeiten.
Denn nur, was verstanden und genutzt wird, verändert Verhalten.
Was bleibt
Should Costing ist kein Rechenexempel, sondern ein Kulturthema. Wer seine Kosten kennt, gestaltet seinen Markt. Wer sie nur einmal berechnet, verliert den Anschluss.
Dynamic Should Costing ist daher mehr als eine Methode – es ist eine Haltung: aktuell statt statisch, anwendbar statt archiviert, wirksam statt perfekt.
Und genau das ist der Kern von Kostenkompetenz im 21. Jahrhundert: Nicht die schönste Kalkulation gewinnt, sondern die lebendigste.
Fazit: In einer Welt dynamischer Märkte braucht es lebende Kostenmodelle. Unternehmen, die ihre Should Costs als lernendes System verstehen, treffen bessere Entscheidungen, verhandeln auf Augenhöhe und nutzen Ressourcen effizienter.
Der Weg dahin ist kein Großprojekt, sondern eine Gewohnheit – gepflegt durch Regelmäßigkeit, getragen von Haltung, unterstützt durch Daten.
Oder einfacher gesagt: Vom Rechenwerk zum Werkzeug. So wird aus Should Costing das, was es sein sollte – ein echter Werttreiber.